Donnerstag, 11. Januar 2018

oh MY MY MY what's new?



Vor knapp zwei Jahren, im Dezember 2015, warf Troye Sivan mit Blue Neighbourhood eines der für mich besten Popalben der letzten Jahre auf den Markt. Das Album ist wirklich von vorne bis hinten ein rundes Ding und bietet mit Suburbia einen Song, der mich zu jeder Jahreszeit an Autofahren mit wehenden Haaren im warmen Wind, an Sommerurlaub erinnert.

Jetzt höre ich die Platte also schon seit zwei Jahren hoch und runter. Vor zwei Jahren, das war auch ungefähr die Zeit, in der ich mir wünschte, streetacid.com ein neues Aussehen zu verpassen. Was folgte? - Viel. Hahaha. Viele Reisen, private Aufs und Abs, lange Haare, kurze Haare, wieder hoffentlich bald lange Haare, viel Arbeit offline, viel Pause online, in der sich hier textlich ebenso wenig tat wie mit dem Blogdesign, etc. pp. Sivan tourte währenddessen um die Welt, war am 09. Mai 2016 in der Live Music Hall in Köln - ich auch -, zog von Perth nach Los Angeles, produzierte ein zweites Album, dass dieses Jahr erscheinen wird, wurde, wie ich, zwei Jahre älter und reifer und veränderte ebenfalls mehrfach seine Frisur, uvm.

Fotografiert von Inez & Vinoodh kehrt er nun diese Woche immer noch so wunderschön als Werbegesicht der neuen Valentino-Kampagne für Frühjahr-Sommer 2018 zurück und präsentiert mit My My My! heute auch gleich die erste Single-Auskopplung.

Dann lege ich doch gleich nach. Hier oben also endlich für euch und mich zu sehen:
Mein neues Logo.
Ebenso gibt es ein neues Logo für meine facebook-Seite.
Ich freue mich unendlich. Ein Tapetenwechsel tut doch schließlich jedem gut.
Das Video zu My My My! unter der Regie von Grant Singer gibts ganz unten hier im Post.
Auf frische Zeiten also!


Freitag, 22. Dezember 2017

Ich bin genervt von eurem Sexismus.

Mir fehlt heute echt die Geduld.

Vielleicht ist das auch gar nicht so schlecht. Seid froh, dass ich hier sitze und diesen Text schreibe anstatt euch alle anzuschreien. Ja, ich meine euch, ihr Menschen da draußen, eigentlich wirklich alle Menschen, manchmal auch mich. Ich meine all jene, die es nicht schaffen ihre gedanklichen Muster zu überdenken, aufzubrechen, um zu merken, dass Generalisierungen zu machen zwar einfacher aber auch immer falsch ist. Ups, und schon wieder habe ich mich dabei ertappt, wie ich alle über einen Kamm schere, aber diesmal vielleicht aus gutem Grund, denn Mensch sein heißt Fehler machen. Menschliches Gehirn sein heißt Datenablage. Das geht eben einfacher nach Kategorien. Am liebsten noch ein binäres System. Fein fein fein.

Heute Morgen also, da menschelt es mir hier eindeutig zu viel. Hier im Internet. Diesmal mein Gemüt schonend wenigstens nicht im direkten Bekanntenkreis, sondern in der unmittelbaren Ferne sozusagen. Meine Like-Blase hat es geschafft, mich leicht bis unleicht zur Wut zu treiben. Es beginnt mit einem Video, das Jan Böhmermann geteilt hatte. Das Video von Tabea Johanna Krause vom 20. Dezember zeigt verrückt aggressiv gelebten Antisemitismus auf offener Straße in Berlin. Heute. 2017. Hier in Deutschland. Ich werde wütend. Ich teile das Video und hoffe, dass es jede facebook-Bekanntschaft sieht. Das wird nicht eintreffen, ich weiß. Wir folgen ja alle einem blinden Algorithmus. Warum ich derart emotional reagiere hat viele Gründe. Der aktuellste ist, dass ich in diesem Jahr zu viele Situationen selbst erlebt habe, in denen Menschen öffentlich und ohne Scham oder Verstand gegenüber „Gruppierungen“, die ihnen fremd scheinen, feindlich wurden. Beispielsweise lebte in unserem Sommerurlaub eine ältere Dame in derselben Straße wie wir. Sie war gut gelaunt und gesprächig, vor zwanzig Jahren von Hamburg nach Südfrankreich ausgewandert, trank gerne abends zwei Glas Rotwein und ließ es sich gut gehen. Eine Fremde also in neuer Heimat. Unser Urlaub ging schon fast zu Ende, da dachte ich eines Abends im Gespräch ich traue meinen Ohren nicht, als sich aus einer Unterhaltung über Kunst und Mäzene herauskristallisierte, dass diese Person wohl davon überzeugt war, dass reiche Juden sich global zusammentäten. Die eine kauft Gelände in der Stadt, da bekommt der andere den Bauauftrag. Aha so so. Offenheit schützt also ersichtlich nicht vor fehlgeleiteten Denkmustern.

Ich muss auch gar nicht viel weiter scrollen in meinem News Feed, da startet schon ein Video von Docupy, einem Projekt vom WDR, das sich durch kurze Filme online derzeit unter #ungleichland mit den Themen Reichtum, Chancen, Macht in Deutschland auseinandersetzt. Es wird eine einfache Frage an männliche Abgeordnete im Deutschen Bundestag gestellt: „Wann haben Sie zuletzt einen Mann auf sein sexistisches Verhalten angesprochen?“ Natürlich reizt die Fragestellung. Sie schließt beispielsweise aus, dass auch Frauen sexistisch sein können. Jeder Mensch kann sexistisch sein. Und doch treffen die Antworten der Herrschaften den Nagel der Thematik in solchem Maße auf den Kopf, dass Nagel und Hammer schon bereits die Rückseite des Holzes mit voller Wucht verlassen haben. Wenn ein Gregor Gysi sagt, man solle das Ganze auch nicht überziehen, dann hat er den Schuss nicht gehört. Und wenn Thomas Heilmann während eben diesem Interview über Sexismus im Bundestag einer Studiomitarbeiterin beim Outfit-Richten mitteilt, sie dürfe alles an ihm anfassen [zwinker, lächel, flirt], kotze ich mir so wie ich sitze fast Handy und Schoß voll.



Sexism is fun, fun, fun. Ein paar lustige Bemerkungen tun doch keinem weh.

Eben genau das tun sie leider doch. Man beleidigt vielleicht nicht nur andere Personen im Gespräch, man degradiert sie und reproduziert damit kulturell eingefahrene Ideen wie wer auch immer zu sein hat. Es ist gerade bei diesem Thema unglaublich faszinierend wie weit voneinander entfernt wissenschaftliche Funde und gelebte Realität heute sind. Ich erkläre immer wieder gerne, dass die als immer noch klassisch anerkannten Geschlechterrollen zu nahezu 100% sozial konstruiert sind. Die Schranken, in denen Menschen zu leben haben, definiert nicht ihr biologisches Dasein, sondern die Gesellschaft in der wir leben.

Ich bin Sprachwissenschaftler und daher weiß ich, dass Sprachmuster und daraus folgende Denkweisen, die aus einer Zeit stammen, in der man mit dem reinen Auge, ohne moderne Wissenschaft auskommen musste, noch heute unsere Welt definieren. Da fand man Vulven und Penisse, mit denen die Fortpflanzung funktionierte. Dass manch ein Individuum anders aussah oder das mit dem Kinder kriegen manchmal nicht klappte, das war eben so. Das wollte eine höhere Macht dann wohl so, denn es gab ja keine wissenschaftliche Erklärung dafür. Menschen mit Scheide nannte man Frau, die anderen wurden zum Mann. Einige Jahrhunderte bis Jahrtausende und diverse herrschaftsfördernde Ideologien später landen diese beiden Begriffe sozial aufgeladen im einundzwanzigsten Jahrhundert und Menschen, denen diese traditionellen Rollen alles andere als schaden, haben nachvollziehbar nicht den geringsten Drang, diese zu hinterfragen. Ein Gemisch aus Unwissenheit, Bildungsferne und Ignoranz führt die breite Masse in ihrer Machtposition dazu Diskriminierung zuzulassen, zu vervielfältigen und zu verankern. Die Menschheit selbst steht im Wege ihrer Besserung, denn sowohl in den Naturwissenschaften als auch Geisteswissenschaften gilt das binäre Geschlechterbild heutzutage als antiquiert. Zur großen Mehrheit durchgedrungen ist das leider nicht.

Und so kommt es dazu, dass ich fast täglich an der Menschheit (ver-)zweifle. An Moderator_innen* wie Ruth Moschner, die es nicht nur bei Grill den Vollidioten, sondern noch effizienter in RTL-Flop-Sendungen wie Falscher Hase – einer Show in der eine Single-Dame an kurzen Videos aus dem Privatleben drei junger Männer erraten muss, welcher von den dreien denn nun hetero-single, -vergeben oder schwul ist – schaffen, sexistische Floskeln ohne Ende zu produzieren. Männer, die sich mit Bodylotion nach dem Duschen einschmieren, sind schließlich eindeutig homo. Ebenso danke ich Mirja Boes und Joachim Llambi für die Moderation der Sendung Jungs gegen Mädchen, bei der sich mir nicht nur bereits beim Namen selbst die Fußnägel aufrollen, man es darüber hinaus sogar noch geschafft hat Hunderte Studien über Männer und Frauen zu finden, um dann Korrelation mit Kausalität zu verwechseln. Liebes RTL, ihr seid nicht alleine Schuld. Aber trotzdem, danke für nichts.

Ebenso kann ich es nicht lassen, mich an Posts wie diesem heute von Journelles zu echauffieren: „Wie wohl die Männer auf eine Küche in zart-rosa reagieren würden? Ist uns völlig egal, wir sind ganz verliebt in diese Kombination mit hellen Fliesen und goldenen Accessoires 😍“. Auf dem Foto ist eine blassrosa Küche zu sehen. Liebe Journelles-Mitarbeiter_innen*, hört auf schwachsinnigen Sexismus zu reproduzieren. Bitte danke. Geschlechtsbezogene Farblehre nervt. Gerade von einem rein-weiblichen Powersquad wie euch, dem total modern Equality und Diversity wichtig sind, hätte ich mehr Feingefühl erwartet. Mit der Reichweite eines der erfolgreichsten Mode- und Lifestyleblogs Deutschlands sollte man informierter umgehen. Nur weil vielleicht eure cis-männlichen Mitlebenden zuhause gelernt haben, dass sie nicht mit Puppen spielen dürfen, ist erstens dies nicht ver­all­ge­mei­ner­bar und zweitens es schlimm diese Gedanken auch noch anderen in die Köpfe zu setzen.

Ich fange jetzt erst gar nicht an davon zu berichten, dass Geschlechtlichkeit nicht in zwei Kategorien teilbar ist, und dass diese Realität noch kaum irgendwo Anklang gefunden hat. Das und viele andere Themen in diesem Zusammenhang sind Stoff für zukünftig folgende Texte. Prost.

Und jetzt esse ich ein bisschen Schokolade aus dem Adventskalender. Wenn mein Zuckerspiegel sinkt, werde ich zickig, wie ihr seht. Total weibisch.

Samstag, 14. Oktober 2017

NOGA EREZ auf dem PRÊT À ÉCOUTER 2017



Press play, schließ die Augen und lass dich in die Welt von Off the Radar ziehen. Du landest im Tempel Balkada, in dem Beyoncés Crew auf dich wartet und dich in 3, 2, 1 zum Tanzen bringt. Es ist eine Welt voll treibendem Elektropop und harter Future R&B Beats. Ein Clubsound, der dich dazu bringt alles um dich herum zu vergessen, auszubrechen, loszulassen, den Trieben zu folgen. Er ist wie fettig frittiertes Essen im Rausch, wie sich verschwitzt sexy gegenseitig ausziehen; erinnert an PJ Harvey, FKA Twigs, Gorillaz oder SKIP&DIE. Allerdings hat dieses leckere Gebäck eine angenehm bittere Note im Kern versteckt. Achtet man darauf, welche Texte die studierte klassische Komponistin aus Tel Aviv und ihr Partner Ori Rousso mit ihren Melodien auf diesem Album verpackt haben, wird man nämlich von einer ganz anderen Realität erschlagen. Bereits das Cover ihres Albumdebüts wirkt nur auf den ersten Blick wie ein Beauty-Shot #nomakeup, sondern zeigt die Künstlerin voll Müdigkeit und Erschöpfung, voll Weltschmerz. Aus dem Blickwinkel einer jungen Israeli singt sie über die Welt von heute, wo Parties und Attentate nur einen Häuserblock voneinander entfernt scheinen. In wenigen Zeilen eröffnen sich Krieg, Gefangenschaft, Voyeurismus, falsche Demokratien, Wut und Angst. In Toy wird Machtmissbrauch besungen. Pity handelt von sexueller Ohn-/ Macht und übt Kritik am Patriarchat. Interludes verraten, dass es (politisch wohl) besser gewesen wäre, hätte jemand die Gebrauchsanweisung gründlich gelesen. Das Titelstück zur Platte erzählt davon unterm Radar zu fliegen, im Brei der Masse zu verschwinden – hear me, no one sees me, no one. Dazu passend bewegen sich augenlose Figuren durchs high concept Musikvideo. Warum über Liebe schreiben, wenn man Menschen beim Tanzen auch zum Denken anregen kann. Beklemmung und Befreiung im Einklang. Ich will zu ihrer Noisy Girl Gang gehören und freue mich aufs Konzert zu diesem Album. All killer, no filler.

NOGA EREZ am 30.11.2017 auf dem PRÊT À ÉCOUTER im karlstorbahnhof heidelberg

weiterhin empfehle ich dir:
alle konzerte des prêt à écouter. echte perlen.
auch die prêt à lire abende am 14. und 15.11.17.
das heft zum festival in punk zine optik ab jetzt gratis zur mitnahme zu finden.
(mein text hier online in richtiger reihenfolge)