Donnerstag, 22. Februar 2018

DAS IST DER SATIRE/GIPFEL - Monika Gruber und Dieter Nuhr bei Nuhr im Ersten.

Sehr geehrte Damen* und Herren* der ARD,

ich beginne meine Nachricht an Sie positiv. Denn in den letzten Jahren bin ich immer zufriedener mit den öffentlich-rechtlichen Sendern geworden. ARD, ZDF und die Dritten schaffen es inzwischen oft, sich gegen Diskriminierung und für Rechtsstaatlichkeit auszusprechen, bringen ein immer diverseres Fernsehprogramm und bieten vermehrt Menschen aus verschiedensten Lebenswelten in Deutschland Möglichkeiten gehört zu werden.

Letzten Freitag, am 15.02.2018 blieb ich jedoch im Vorbeischalten bei Nuhr im Ersten - Der Satiregipfel hängen und fiel vom Glauben ab. Hierzu möchte ich zwei Dinge zu Beginn klar machen. Erstens: Ich achte politisches Kabarett und Satire. Zweitens: Ich dachte eigentlich, dass Personen, die heutzutage für die öffentlich-rechtlichen Sender arbeiten - vor allem Journalist*innen, Redakteur*innen, Moderator*innen, Komödiant*innen - darüber aufgeklärt werden, dass Worte ins Gewicht fallen und dass man mit solch einer medialen Reichweite eben auch die Gesprächskultur in den Haushalten ganz Deutschlands prägt. Sprechen Medien davon, dass viele Flüchtlinge gegen ihre Asylurteile klagen, wird darüber im Alltag überall gesprochen. Sprechen Medien aber davon, dass viele dieser Urteile nicht rechtens sind und korrekterweise angefochten werden, herrscht ein ganz anderer Ton beispielsweise zuhause, im Supermarkt und auf Arbeit. Dasselbe Thema, zwei verschiedene Blickwinkel. Nur Täter und Opfer werden verschieden dargestellt und so der geschürte Hass der Gesellschaft unterschiedlich fokussiert. Das ganze nennt sich Framing und ich habe mir das nicht ausgedacht. Ich bin nicht der einzige Linguist, der sich dessen bewusst ist. Der Wortgucker beispielsweise erklärt das hier allen Interessierten sehr einfach.

Nun zurück zu meinem ersten Punkt. Ich achte politisches Kabarett und Satire. Ich achte politisches Kabarett und Satire in ARD und ZDF, wenn sie dem Anspruch einer öffentlich-rechtlichen Sendung entsprechen. Und erfolgreiche Formate wie extra 3, Neo Magazin Royal und die heute-show schaffen es auch, sich dessen bewusst zu sein über welche Macht sie durch ihre Beiträge verfügen, und diese dem angebracht zu füllen. Ich dachte immer, politisches Kabarett und Satire seien dann gut, wenn zugleich Missstände einer Gesellschaft dargelegt werden und die entsprechenden Machtinhaber karikiert werden. Nuhr im Ersten allerdings schaffte es sogar in zwei aufeinander folgenden humoristischen Beiträgen, sich über die Schwächeren einer höchst aktuellen Debatte lustig zu machen. Bei mir endet genau hier der Humor. Wer sich die Beiträge im Nachhinein zu Gemüte führen möchte: Die entsprechende Sendung ist online in der ARD Mediathek abrufbar. Die Beiträge von Monika Gruber und Dieter Nuhr sind ab circa 00:26:30 zu sehen.

Ich möchte im Folgenden auf beide Stand-ups eingehen.

Das Unheil beginnt mit Monika Gruber, die ihre sechs Sendungsminuten dem #metoo-Thema widmet, freudig zwischen pro und contra Feminismus hüpft und Begebenheiten so witzhaft oberflächlich recherchiert miteinander verbindet, dass man dafür in Bildungseinrichtungen ein ebenso freudiges Setzen-Sechs erwarten könnte.

Gruber fängt also ihren Beitrag damit an, darauf hinzuweisen, dass sie als einzige Frau in der Sendung zu sehen sei und zwischen vier Männern säße. Ein guter Einstieg, dachte ich mir. Sich witzig und kritisch mit Geschlechtergerechtigkeit auseinanderzusetzen, scheint ja kein schlechter Einstieg. Der Einstieg bleibt jedoch das was er ist - ein Einstieg. Es dauert keine Minute, da ist der Übergang zur #metoo-Debatte schon gefunden:

"Es ist ja momentan überall me too. Wenn ich im Supermarkt zum Beispiel an der Kasse stehe und sehe, wie der junge Kassierer meine Bananen so ganz langsam und sinnlich über den Scanner zieht, da überlege ich mir schon als Frau, schweigst du oder rufst du jetzt die Bildzeitung an?"

Die Hoffnung besteht nach dieser Aussage ja nun doch noch, dass Gruber nach einem leichtfüßigen Witz über die aktuelle mediale Sensibilität gegenüber sexueller Belästigung im Folgenden darüber sprechen könnte, dass das Männlichkeitsbild, das heutzutage in unserer Gesellschaft breit vertreten ist, Verrohung und Übergriffigkeit fördert. Dies schaffen ja schließlich andere auch, wie zum Beispiel Christine Prayon, Hazel Brugger oder Carolin Kebekus, um nur die drei zu nennen, die mir als erstes in den Sinn kamen. Aber falsch gedacht. Gruber fährt hingegen wie folgt fort:

"Also verstehen Sie mich nicht falsch. Männer die ihre Macht ausnutzen, die Frauen sexuell erniedrigen und missbrauchen, das sind Schweine und ich bin solidarisch mit jeder Frau, die so was öffentlich macht und sich wehrt, aber, ja, ABER..."

Ein netter Satz, käme da nicht dieses aber, das momentan doch allzu gern im Kontext rechtspopulistischer Gedankenverbreitung auftaucht. Nichts gegen die Flüchtlinge, aber...; nichts gegen Ausländer, aber...; nichts gegen die Frauen*, aber...; nichts gegen die Schwulen, aber... . All diese Gruppen haben doch nun inzwischen laut anscheinendemVolksmund beziehungsweise nach eigentlich eigener Meinung genug, worüber sie sich freuen könnten, man solle es jetzt aber bitte nicht übertreiben mit den Forderungen nach sozialem Fortschritt. Was auf den ersten Blick wie eine wunderbare Überleitung zu einem witzigen Comedy-Stück wirkt, rückt die Autorin durch die eigene Argumentationswahl in eine gefährliche Ecke. 

Gruber redet weiter darüber, dass in England gerade darüber diskutiert werde, dass Catcalling, also jemandem auf der Straße nachzupfeifen, als hate crime, als sexuelle Belästigung verfolgt werden soll. Sie fahre schließlich, haha, extra nach Italien, damit ihr mal wieder jemand hinterherpfeift. "Ich bin 47, da schaut mich in Deutschland kein Mann mehr an." Der Massimo, in seinem schmierigen Unterhemd, bei dem wisse man, der würde gerne noch Sex mit ihr hinten in seinem Fiat 500 haben. Diese Aussage ist nicht nur bedenklich, da er eingefahrene sexistische und rassistische Stereotypen vom südländischen Macho reproduziert, sondern vor allem, weil es ganz und gar nicht darum geht, ob sich Frau Gruber persönlich damit wohlfühlt, von anderen Menschen auf offener Straße als Objekt betrachtet zu werden. Man bedenke, dass es in Deutschland gerade einmal einhundert Jahre und in der Schweiz nur siebenundvierzig Jahre her ist, dass Männer darüber diskutierten, ob Frauen geistig dazu in der Lage seien zu wählen. Siebenundvierzig Jahre - Monika Gruber gibt es also genauso lange wie das Frauenwahlrecht in der Schweiz. In Saudi-Arabien gibt es das Frauenwahlrecht erst seit 2015 und selbst das nur auf kommunaler Ebene. Und es geht noch weiter: Es ist gerade mal 20 Jahre her, dass Vergewaltigung in der Ehe strafbar wurde. Wir leben also auch heute mitnichten in Zeiten, in denen die Forderungen nach Gleichbehandlung endlich genug sind. Hierbei geht es nicht um das Schicksal einer einzelnen Person, die auf der Bühne locker davon berichtet sich in ihrer Welt wohlzufühlen, es geht besser gesagt um alle Personen, deren Einzelschicksale auf teils mehr zurückblicken als eine einzige Situation auf der Straße mit einem einzigen sexuell anspielenden Pfiff. Man mag es niemandem wünschen, aber es gibt leider viel zu viele Frauen* und Männer*, die davon berichten können, bereits in ihrem Leben sexuell belästigt oder missbraucht worden zu sein. Und für diese Menschen sollte man einstehen, Catcalling nicht verharmlosen und stattdessen sehen, dass durch die Anhäufung solcher Situationen Menschen seelische Kraft und Hoffnung geraubt werden.

Ich sage nicht, dass ich Monika Gruber im Ganzen widerspreche. Beispielsweise kommentiert sie den Artikel einer Autorin der Zeit, dass sich Frauen* aufhören sollten zu Schminken, um von Männern nicht mehr als Objekt betrachtet zu werden. Ich habe den Artikel nicht gelesen, stimme dem allgemeinen Widerspruch Grubers aber zu. Jede Person sollte sich selbst so kleiden und schminken, wie sie sich wohlfühlt. Das Problem liegt schließlich nicht beim Make-up. Es liegt bei aggressiven, fehlgesteuerten Angreifenden. Ihr Kommentar scheint dennoch nur ein kurzer feministischer Lichtblick.

"Und ja verdammt noch mal, ich will auch Männern gefallen, gut, in erster Linie schwulen Männern, die haben einfach den besseren Geschmack."

Dazu nur eine kleine Weisheit meinerseits: Homosexualität und Sinn für Ästhetik bilden keine Kausalität. Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, aber ich kenne genug karierte-Kurzarmhemden-Schwule, denen diese positive Stereotypisierung wohl zugutekommt. Diese fördert aber letztendlich nur das alte Vorurteil, dass alle Schwulen den bunten Showvögeln entsprechen, die man aus den letzten 60 Jahren Fernsehen durch ihre Strahlkraft in Erinnerung behält.

Und jetzt kommt es dick. Ich würde fast schon sagen dick und dämlich. "Schauens einmal auf die Evolution. Was da überlebt hat. Wesen mit Paarungsanreizen. Gut, es hat bestimmt auch ganz viele Arten gegeben, die gesagt haben, nein, ich möchte nicht nur Objekt sein, deshalb bleibe ich ein grauer Klumpen und punkte mit Charakter. Die kennen wir bloß nimmer, die sind nämlich alle ausgestorben oder heißen Peter Altmaier." Darwins Evolutionstheorie damit zu verbinden, wie Frauen* mit Make-up umgehen und damit einem gesellschaftlich anerkannten Schönheitsbild entsprechen sollen, ist nicht nur stupide, sondern entspricht schlichtweg in keiner Linie der Realität. Spätestens mit dem Einwirken des Menschen auf die Umwelt endete die Einfachheit der Evolution. Tiere sterben durch die anthropogene Umweltzerstörung aus; Menschen sterben nicht mehr dank moderner Medizin; menschliche Fortpflanzung hängt inzwischen von mehr Faktoren ab als Aussehen und körperlicher Stärke. Und noch zum Thema Peter Altmaier - der Body Shaming Witz ist langsam nun wirklich alt. Politiker aufgrund ihrer Taten statt ihrer körperlichen Verfassung zu blamieren wäre um einiges geistreicher, aber natürlich auch um einiges anspruchsvoller.

"Also bitte, ja, meine Bitte, machts nicht aus jedem unbeholfenen Flirtversuch eine Vergewaltigung, machts nicht aus jedem verliebten Blick eine soziologische Abhandlung über die Frau als Objekt..."

Liebe Frau Gruber, anstatt sich vorschnell über die Thematik zu beschweren, wie wäre es denn sich zunächst näher damit zu beschäftigen? Es geht nämlich gar nicht darum, Flirt und Vergewaltigung gleichzusetzen, sondern Strukturen in unserer Gesellschaft sichtbar zu machen, die alle auf kulturell erzogener toxischer Maskulinität beruhen.

Im Beitrag wird daraufhin die - auch im feministischen Kontext - polarisierende Debatte über die Bedeutung von Vollverschleierung angeschnitten. Gruber urteilt, dass es nicht darum gehen könne, dass man sich als Frau jetzt in eine Burka hüllen müsse. Sie sehe die neue Barbie mit Burka nicht als die emanzipatorische Meisterleistung des 21. Jahrhunderts. Da hat sie wohl recht. Die Barbie mit Burka ist nicht nur eine emanzipatorische Meisterleistung, sondern auch eine Meisterleistung, was religiöse und oder ethnische Diversität angeht. Und dieses Thema überhaupt in diesem Beitrag anzubringen, in dem es scheinbar um das Leben als Frau* in Deutschland gehen soll, spielt rechtspopulistischen Meinungen zur Überfremdung unserer Gesellschaft abermals in die Karten.

Gruber sagt letztendlich selbst, sie wisse wovon sie rede, sie wäre schließlich vierzehn Jahre Kellnerin gewesen. Sie könne ein Handbuch über sexuelle Belästigung schreiben. Man solle dummen Anmachsprüchen einfach gewitzt kontern, selbstbewusst bleiben. 

"Wehren Sie sich, Herr Gott noch mal. Sie sind doch kein verschüchtertes Kind, dem der liebe Onkel in der Scheune was schönes zeigen will. Sie sind eine erwachsene Frau, also sagen Sie, lang einmal her und ich hau dich sowas von in die Rückständigkeit, dass du keine Sterne siehst, sondern zweiundsiebzig Jungfrauen."

So einfach ist das nur leider nicht, wenn man sich im Leben fortwährend mit solchen Situationen konfrontiert sieht, Mut und Kraft verloren hat oder aus Schock, Angst oder Abstumpfung keinen Ausweg sieht. Genau diesen Menschen sollte man zur Seite stehen und sie nicht abermals darauf hinweisen, wie schwach sie seien, als seien sie und nicht die Täter die Schuldigen.

Der Beitrag endet und man meint, jetzt sei es auch genug, doch direkt tritt der Moderator ins Scheinwerferlicht und fährt im gleichen Ton fort. Dieter Nuhr nutzt die Stimmung, um der Verfehlung noch die Sahnehaube und Maraschino-Kirsche aufzusetzen. Er ersetzt Feminismus mit wahnwitzigem "Geschlechterkampf", macht aus Transsexualität und Intersexualität einen schlechten Witz.

Als ginge es bei Feminismus nicht um eine allen Geschlechtern zugängliche Bewegung für die Gleichbehandlung aller, nutzt Nuhr mit "Geschlechterkampf" Kriegs-Metaphorik, um in den Köpfen des Publikum zu verankern, hier gehe es darum, dass die einen den anderen etwas mit Gewalt rauben möchten.

"Ich war auch mal ein großer Bewunderer der Frauen, aber leider geht das nicht mehr. Bewunderung eines gesamten Geschlechts ist auch sexistisch, hat man mir erklärt. Und zwar hier in Berlin in der Hauptstadt des Geschlechterkampfes, an dieser Hochschule, an dieser Alice Salomon Hochschule. Haben Sie es mitbekommen?"

Wenn man es ihm erklärt hat, wieso hat er es dann nicht verstanden? Die Bewunderung aller Frauen ist zwar nett gemeint, ist allerdings natürlich sexistisch. Sexismus bedeutet eine gesamte Gruppe aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität zusammenzufassen, über sie zu urteilen und die  Bevorteilung beziehungsweise Benachteiligung infolgedessen. Dies kann positive als auch negative Formen annehmen, bleibt aber dennoch eine Art Über-den-Kamm-Scheren.  Positiver Sexismus ist Sexismus, so wie positiver Rassismus auch Rassismus ist. Warum Berlin die Hauptstadt des Feminismus sein soll, verstehe ich nicht. Es handelt sich hierbei schließlich um eine globale Bewegung. Die Aussage diente voraussichtlich nur der Überleitung und Vor­ver­ur­tei­lung der anschließenden Thematik.

Er fährt fort, "An dieser Schule war ein Gedicht aufgemalt auf die Fassade von Eugen Gomringer. Das Gedicht, übersetzt ins deutsche lautet."

Und er zitiert die deutsche Fassung des Gedichts:
Straßen
Straßen und Blumen
Blumen
Blumen und Frauen
Straßen
Straßen und Frauen
Straßen und Blumen und Frauen
und ein Bewunderer.

Sarkastische Pause, "feddich" (fertig). Und schon gehört ihm der erste Lacher. Auch wenn man avenidas eher mit Alleen übersetzen sollte, scheint es sinnvoller auf ein einfacheres Register zurückzugreifen, um den Witz hervorzubringen, wie inhaltslos das Gedicht sei und dadurch auch, wie sinnfrei die Aktionen zur von Feminist*innen angeheizten Entfernung des Gedichts seien, von der er berichtet. Dass Eugen Gomringer in den Fünfzigerjahren mit solchen Gedichten die Konkrete Poesie begründete, die dem breiten Publikum auf das erste Hören ohne Kon­tex­tu­a­li­sie­rung offensichtlich nicht zugänglich werden kann, wird für eine seichten Pointe genutzt. Das allein zeigt mir schon, wie wenig sich Nuhr mit den Umständen der Geschehnisse auseinandergesetzt hat.

"Dieses Gedicht wird nun entfernt wegen Sexismus", behauptet er und liegt damit, aufgrund abermals schlechter Recherche, leider daneben.

Die Bitte aus dem Jahr 2016 zur Entfernung des Gedichts von der Südfassade der Hochschule stammte nämlich vom hochschuleigenen Allgemeinen Studierendenausschuss, kurz Asta. Einem demokratisch gewählten Gremium Studierender zur Mitbestimmung in Hochschulangelegenheiten. Stefanie Lohaus klärt in ihrem Zeit-Artikel, den ich übrigens sehr empfehle, auf:

"Der Asta befand 2016 in einem offenen Brief, dass das bedeutende Werk aus dem Jahr 1951 ein altmodisches Frauenbild transportiere, und Mitglieder des Gremiums an sexuelle Belästigung erinnere, was zu ihrer Hochschule, die sich laut Leitbild als "Hochschule mit emanzipatorischem Anspruch [die] dem gesellschaftlichen Auftrag Sozialer Gerechtigkeit und kritischer Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen verpflichtet", schlichtweg nicht passe. Dabei betonten sie den Respekt für Eugen Gomringers Werk, das sie nicht angreifen wollen."

An der Hochschule wurde also demokratisch entschlossen, dass das Gedicht durch ein neues ersetzt werden solle, nicht weil es im Inneren sexistisch sei, sondern da es eine Interpretation zuließe, die der Rat, dem solche Entscheidungsrechte eben demokratisch zugesprochen wurden, für eine Hochschule, die früher eine reine Frauenhochschule war und soziale und pädagogische Disziplinen lehrt, in der heutigen Zeit unpassend hielt.

Nuhr allerdings schürt durch seine Äußerungen ähnlich Monika Gruber nur überhastete Vorurteile gegenüber der gegenwärtigen Entwicklung zur Geschlechter-Gleichberechtigung.

"Der Autor verfügt nach offizieller Recherche über ein gurkenförmiges Geschlechtsteil, das ihn als Lyriker zum Sexisten macht, wenn er Frauen bewundert."

Seine Begründung ist, wie ich schon erklärte, schlichtweg falsch. Hierbei ging es nicht im Geringsten um den Autoren. Wie auch mit seinem "Geschlechterkampf"-Prolog, schafft es Nuhr erneut zwei Lager zu erschaffen, die sich entgegenstehen. Hier offensichtlich Männer gegen Feminist*innen. Menschen mit Penis seien dem Anschein nach automatisch als Sexisten gesehen. Die Existenz feministischer Männer* scheint ihm ebenso wenig klar zu sein, wie die Tatsache, dass es in unserer Zeit mehr Faktoren gibt als den Besitz eines Gemächts, die einen Menschen zum Mann* machen. Letzteres erkennt man schmerzlich auch im letzten Teil seines Beitrags.

Zuvor fährt Nuhr allerdings fort: "Was ich an der ganzen Sexismus-Diskussion ein bisschen sexistisch finde, ist, dass man Frauen ausschließlich die Rolle des Opfers zugesteht. Sollte man Frauen nich auch mal das Tätersein zutrauen? Auch eine Frau ist doch ganz selbstverständlich in der Lage einen Mann zu bewundern und daduch zur Sexistin zu werden."

Und jetzt werde ich (leider nur innerlich natürlich, hier am Schreibtisch) laut! Denn darum geht es doch verdammt noch einmal überhaupt nicht in dieser "ganzen Sexismus-Diskussion". Jeder Mensch kann zum Täter werden, das hängt weder mit Geschlecht, noch Alter, Hautfarbe oder sonstigem zusammen. Das bestreitet auch niemand. Es geht dabei immer nur um die Ausnutzung bestehender Machtstrukturen. Was Nuhr hier betreibt, ist die mediale Verschleierung von Tatsachen. Wir leben nun einmal in einer Welt, in der die meisten Straftaten im allgemeinen und ebenso die meisten Sexualdelikte von Männern begangen werden. Das ist eine Wahrheit, mit der wir leben müssen und mit der man umgehen muss, versuchen muss herauszufinden, welche kulturellen Geschlechterunterschiede unsere Gesellschaft hervorbringt, die zu solchen Ereignissen führen. Frauen* wird nicht ausschließlich die Opferrolle zugestanden, es wird nur viel zu wenig von den Tätern gesprochen. Dieser Diskurs fehlt fast vollkommen in den Medien. Hier sind wir wieder bei dem Thema Framing angekommen sind. Frauen* sind nämlich nicht nur Opfer, Frauen* sind diejenigen, die zu Hunderten auf die Straße gehen und sich wehren. In eben diesem Kontext könnte vielleicht solch ein Kommentar aufkommen, aber bestimmt nicht in Nuhrs Rede, in der Männer* aus der Debatte verschwinden und als Täter nicht ernsthaft besprochen werden, sondern nur Frauen* - Frauen* als Opfer und Frauen* als Täter.

Dann spricht er über den Vorfall vor drei Wochen, bei dem die Kuratorin der Manchester Art Gallery Clare Gannaway das Gemälde Hylas and the Nymphs von John William Waterhouse im Laufe einer Kunstperformance vorübergehend abhängen ließ, um eine Debatte auszulösen, wie Bilder, die dem male gaze entsprechen, den weiblichen Körper beispielsweise als schädlich, gefährlich oder als rein dekorativ und ansonsten inhaltslos darstellen, in der heutigen Zeit in Museen gezeigt werden sollten. Bei Nuhr klingt das jedoch anders.

"Auch Bilder werden neuerdings wieder entfernt, hier in der Manchester Art Gallery Nackte Nymphen im Bad. Da hat jemand gesagt, das ist entsetzlich, das ist erregend. Das muss weg."

Mit dem ersten Satz spielt Nuhr auf als entartete Kunst entfernte Werke in der Zeit des Nationalsozialismus, mit dem zweiten Satz verdeutlicht er das noch sogar durch Hitler-Akzent. Performance Kunst mit der Zensur einer Diktatur zu vergleichen und das auch noch ohne ausreichende Darstellung der Situation, ist unerhört. Nuhr folgert, wahrscheinlich bewerbe sich da jemand als Kurator im Iran oder als Frauenbeauftragte in Berlin, was auf dasselbe rauskäme. Doch das genaue Gegenteil ist hier der Fall. Das Projekt der Manchester Art Gallery sollte das Denken darüber, wie frei Kunst heute sein kann, anregen, nicht eben dies verhindern. Abermals frage ich mich, was der Moderator denn gegen Berlin hat und abermals stelle ich fest, dass Nuhr feministische Themen, hier die Position von Gleichstellungsbeauftragten, mit Kriegsgedankengut auf eine Ebene stellt.

Und als hätten Gruber und Nuhr ihre Stand-ups gemeinsam verfasst (Oder vielleicht haben sie das? Oder sie haben die selben Autor*innen?), spricht Nuhr parallel der grammatischen Struktur rechtspopulistischer Reden: "Und ja, Missbrauch gehört bestraft, selbstverständlich, keine Frage, ABER...". Die Schrecklichkeiten des folgenden Satzes möchte ich im Einzelnen herausarbeiten.

"ABER jetzt habe ich das Gefühl, dass aus allen Ecken die Inquisitoren kommen und das muss doch nicht sein." Diese folgenschwere Rhetorik habe ich bereits im Zusammenhang mit Monika Grubers Beitrag erläutert.

"Sexismus in der Lyrik kann man auch mit Lyrik kontern. Ich habe deshalb ein Gedicht geschrieben, übrigens als Frau,..." Als müsse man eine Frau* sein, um sich gegen Sexismus zu wehren.

"...gefangen im Körper eines Penisträgers, weil ich nämlich beschlossen habe, mein sozial erlerntes Geschlecht ab sofort nach Gutdünken zu wechseln, wie es gerade passt, zum Beispiel wenn da ein Frauenparkplatz ist." Und hier verspottet Dieter Nuhr nun final auch noch Transsexualität. Sollte Dieter Nuhr irgendwann feststellen, trans-ident zu sein, wünsche ich ihm nur das Beste. Trans zu sein bringt in unserer Gesellschaft leider meist einen schweren Leidensweg mit sich. Das ist bei Dieter Nuhr allerdings natürlich ganz und gar nicht der Fall. Er macht daraus einfach nur einen kurzen Witz, als sei die eigene geschlechtliche Identität ein Wunschkonzert, etwas, das man sich einfach so mal schnell aussucht, etwas zu dem man sich entschließt, wie er sagt. Eins hat Nuhr zwar richtig erkannt, Geschlechtlichkeit wird sozial erlernt. Das heißt allerdings nicht, dass dahinter eine aktive Entscheidung steht. Jeder Mensch wird mit einer bestimmten kognitiven Basis geboren, die durch äußere Einwirkungen positiv und negativ beeinflusst und weiterentwickelt wird. Unser Gehirn, andere Leute mögen vielleicht Herz oder Seele dazu sagen, nimmt uns hier die großen Entscheidung im Leben ab. Travestie und Transsexualität sind nicht dasselbe und in keinem Fall ulkig.

Sein Gedicht also:
"Bierflasche
Bierflasche und Schlagbohrer
Schlagbohrer
Schlagbohrer und Männer
Bierflasche
Bierflasche und Männer
Bierflasche und Schlagbohrer und Männer
und eine Bewundernde.
Huuuh."

Dieter Nuhr spielt das Schaudern über sein Gedicht - ich spiele es nicht. Es reproduziert nämlich so stupide stereotype Männlichkeit, dass es selbst mir langsam zu blöd ist, es weiter zu kommentieren. Zum Glück ist der Beitrag gleich zu Ende. Er holt natürlich zum krönenden Abschluss noch einmal richtig aus. Ein Stand-up muss schließlich final richtig krachen.

"Beziehungsweise natürlich auch alle trans oder inter Bewundernden, denn auch die dürfen keinesfalls vergessen werden, weil ja möglicherweise alle Geschlechter sowohl Blumen als auch Schlagbohrer bewundern könnten. (Anmerkung: Mit diesem ironisch gemeinten Satz möchte Nuhr klar stellen, für wie bescheuert er das hält.) Gedichte zu schreiben wird nicht einfacher in Zukunft, aber egal. Mit diesem Akt purer Poesie sollte der Ehre aller Frauen genüge getan sein und damit meine ich alle Frauen, die weiblichen und auch ... alle anderen (Er schnaubt, damit das Publikum lachen darf). Und unser nächster Künstler ist übrigens cisgender. Das kannte ich auch nicht. Bei ihm stimmt das Geschlecht, mit dem er geboren wurde, mit dem Geschlecht überein, was sie gleich bei ihm vermuten werden."

Qualitativ hochwertige Gedichte zu schreiben wird in Zukunft genauso schwierig sein, wie es schon immer war. Sollte man als Autor geschlechtergerecht schreiben wollen, findet man dazu einen angemessenen Weg. Diesen fand Dieter Nuhr offensichtlich nicht, dazu müsste man sich ja mit einem Thema ausführlich auseinander setzen - ausführlich! Boa, das wäre ja anstrengend. Anstatt Menschen wie Dieter Nuhr eine Plattform, ja eine ganze Sendung zu schenken, in denen sich Menschen über Feminismus und geschlechtliche und sexuelle Minderheiten lustig machen, wie wäre es denn eben solchen Diversität lebenden Personen die Möglichkeit zu bieten, selbst ihre Geschichte im Fernsehen zu präsentieren? So etwas ist auch im Kabarett möglich. Die Tatsache, dass sich solch einfältige Beiträge wie bei Nuhr im Ersten über Themen wie die Frauenquote lustig machen, ist schließlich nur der Beweis, dass trans-idente und intersexuelle Menschen ja nahezu unsichtbar sind in der deutschen Medienlandschaft.

Freundliche Grüße,
Marius Emmerich

Donnerstag, 11. Januar 2018

oh MY MY MY what's new?



Vor knapp zwei Jahren, im Dezember 2015, warf Troye Sivan mit Blue Neighbourhood eines der für mich besten Popalben der letzten Jahre auf den Markt. Das Album ist wirklich von vorne bis hinten ein rundes Ding und bietet mit Suburbia einen Song, der mich zu jeder Jahreszeit an Autofahren mit wehenden Haaren im warmen Wind, an Sommerurlaub erinnert.

Jetzt höre ich die Platte also schon seit zwei Jahren hoch und runter. Vor zwei Jahren, das war auch ungefähr die Zeit, in der ich mir wünschte, streetacid.com ein neues Aussehen zu verpassen. Was folgte? - Viel. Hahaha. Viele Reisen, private Aufs und Abs, lange Haare, kurze Haare, wieder hoffentlich bald lange Haare, viel Arbeit offline, viel Pause online, in der sich hier textlich ebenso wenig tat wie mit dem Blogdesign, etc. pp. Sivan tourte währenddessen um die Welt, war am 09. Mai 2016 in der Live Music Hall in Köln - ich auch -, zog von Perth nach Los Angeles, produzierte ein zweites Album, dass dieses Jahr erscheinen wird, wurde, wie ich, zwei Jahre älter und reifer und veränderte ebenfalls mehrfach seine Frisur, uvm.

Fotografiert von Inez & Vinoodh kehrt er nun diese Woche immer noch so wunderschön als Werbegesicht der neuen Valentino-Kampagne für Frühjahr-Sommer 2018 zurück und präsentiert mit My My My! heute auch gleich die erste Single-Auskopplung.

Dann lege ich doch gleich nach. Hier oben also endlich für euch und mich zu sehen:
Mein neues Logo.
Ebenso gibt es ein neues Logo für meine facebook-Seite.
Ich freue mich unendlich. Ein Tapetenwechsel tut doch schließlich jedem gut.
Das Video zu My My My! unter der Regie von Grant Singer gibts ganz unten hier im Post.
Auf frische Zeiten also!


Freitag, 22. Dezember 2017

Ich bin genervt von eurem Sexismus.

Mir fehlt heute echt die Geduld.

Vielleicht ist das auch gar nicht so schlecht. Seid froh, dass ich hier sitze und diesen Text schreibe anstatt euch alle anzuschreien. Ja, ich meine euch, ihr Menschen da draußen, eigentlich wirklich alle Menschen, manchmal auch mich. Ich meine all jene, die es nicht schaffen ihre gedanklichen Muster zu überdenken, aufzubrechen, um zu merken, dass Generalisierungen zu machen zwar einfacher aber auch immer falsch ist. Ups, und schon wieder habe ich mich dabei ertappt, wie ich alle über einen Kamm schere, aber diesmal vielleicht aus gutem Grund, denn Mensch sein heißt Fehler machen. Menschliches Gehirn sein heißt Datenablage. Das geht eben einfacher nach Kategorien. Am liebsten noch ein binäres System. Fein fein fein.

Heute Morgen also, da menschelt es mir hier eindeutig zu viel. Hier im Internet. Diesmal mein Gemüt schonend wenigstens nicht im direkten Bekanntenkreis, sondern in der unmittelbaren Ferne sozusagen. Meine Like-Blase hat es geschafft, mich leicht bis unleicht zur Wut zu treiben. Es beginnt mit einem Video, das Jan Böhmermann geteilt hatte. Das Video von Tabea Johanna Krause vom 20. Dezember zeigt verrückt aggressiv gelebten Antisemitismus auf offener Straße in Berlin. Heute. 2017. Hier in Deutschland. Ich werde wütend. Ich teile das Video und hoffe, dass es jede facebook-Bekanntschaft sieht. Das wird nicht eintreffen, ich weiß. Wir folgen ja alle einem blinden Algorithmus. Warum ich derart emotional reagiere hat viele Gründe. Der aktuellste ist, dass ich in diesem Jahr zu viele Situationen selbst erlebt habe, in denen Menschen öffentlich und ohne Scham oder Verstand gegenüber „Gruppierungen“, die ihnen fremd scheinen, feindlich wurden. Beispielsweise lebte in unserem Sommerurlaub eine ältere Dame in derselben Straße wie wir. Sie war gut gelaunt und gesprächig, vor zwanzig Jahren von Hamburg nach Südfrankreich ausgewandert, trank gerne abends zwei Glas Rotwein und ließ es sich gut gehen. Eine Fremde also in neuer Heimat. Unser Urlaub ging schon fast zu Ende, da dachte ich eines Abends im Gespräch ich traue meinen Ohren nicht, als sich aus einer Unterhaltung über Kunst und Mäzene herauskristallisierte, dass diese Person wohl davon überzeugt war, dass reiche Juden sich global zusammentäten. Die eine kauft Gelände in der Stadt, da bekommt der andere den Bauauftrag. Aha so so. Offenheit schützt also ersichtlich nicht vor fehlgeleiteten Denkmustern.

Ich muss auch gar nicht viel weiter scrollen in meinem News Feed, da startet schon ein Video von Docupy, einem Projekt vom WDR, das sich durch kurze Filme online derzeit unter #ungleichland mit den Themen Reichtum, Chancen, Macht in Deutschland auseinandersetzt. Es wird eine einfache Frage an männliche Abgeordnete im Deutschen Bundestag gestellt: „Wann haben Sie zuletzt einen Mann auf sein sexistisches Verhalten angesprochen?“ Natürlich reizt die Fragestellung. Sie schließt beispielsweise aus, dass auch Frauen sexistisch sein können. Jeder Mensch kann sexistisch sein. Und doch treffen die Antworten der Herrschaften den Nagel der Thematik in solchem Maße auf den Kopf, dass Nagel und Hammer schon bereits die Rückseite des Holzes mit voller Wucht verlassen haben. Wenn ein Gregor Gysi sagt, man solle das Ganze auch nicht überziehen, dann hat er den Schuss nicht gehört. Und wenn Thomas Heilmann während eben diesem Interview über Sexismus im Bundestag einer Studiomitarbeiterin beim Outfit-Richten mitteilt, sie dürfe alles an ihm anfassen [zwinker, lächel, flirt], kotze ich mir so wie ich sitze fast Handy und Schoß voll.



Sexism is fun, fun, fun. Ein paar lustige Bemerkungen tun doch keinem weh.

Eben genau das tun sie leider doch. Man beleidigt vielleicht nicht nur andere Personen im Gespräch, man degradiert sie und reproduziert damit kulturell eingefahrene Ideen wie wer auch immer zu sein hat. Es ist gerade bei diesem Thema unglaublich faszinierend wie weit voneinander entfernt wissenschaftliche Funde und gelebte Realität heute sind. Ich erkläre immer wieder gerne, dass die als immer noch klassisch anerkannten Geschlechterrollen zu nahezu 100% sozial konstruiert sind. Die Schranken, in denen Menschen zu leben haben, definiert nicht ihr biologisches Dasein, sondern die Gesellschaft in der wir leben.

Ich bin Sprachwissenschaftler und daher weiß ich, dass Sprachmuster und daraus folgende Denkweisen, die aus einer Zeit stammen, in der man mit dem reinen Auge, ohne moderne Wissenschaft auskommen musste, noch heute unsere Welt definieren. Da fand man Vulven und Penisse, mit denen die Fortpflanzung funktionierte. Dass manch ein Individuum anders aussah oder das mit dem Kinder kriegen manchmal nicht klappte, das war eben so. Das wollte eine höhere Macht dann wohl so, denn es gab ja keine wissenschaftliche Erklärung dafür. Menschen mit Scheide nannte man Frau, die anderen wurden zum Mann. Einige Jahrhunderte bis Jahrtausende und diverse herrschaftsfördernde Ideologien später landen diese beiden Begriffe sozial aufgeladen im einundzwanzigsten Jahrhundert und Menschen, denen diese traditionellen Rollen alles andere als schaden, haben nachvollziehbar nicht den geringsten Drang, diese zu hinterfragen. Ein Gemisch aus Unwissenheit, Bildungsferne und Ignoranz führt die breite Masse in ihrer Machtposition dazu Diskriminierung zuzulassen, zu vervielfältigen und zu verankern. Die Menschheit selbst steht im Wege ihrer Besserung, denn sowohl in den Naturwissenschaften als auch Geisteswissenschaften gilt das binäre Geschlechterbild heutzutage als antiquiert. Zur großen Mehrheit durchgedrungen ist das leider nicht.

Und so kommt es dazu, dass ich fast täglich an der Menschheit (ver-)zweifle. An Moderator_innen* wie Ruth Moschner, die es nicht nur bei Grill den Vollidioten, sondern noch effizienter in RTL-Flop-Sendungen wie Falscher Hase – einer Show in der eine Single-Dame an kurzen Videos aus dem Privatleben drei junger Männer erraten muss, welcher von den dreien denn nun hetero-single, -vergeben oder schwul ist – schaffen, sexistische Floskeln ohne Ende zu produzieren. Männer, die sich mit Bodylotion nach dem Duschen einschmieren, sind schließlich eindeutig homo. Ebenso danke ich Mirja Boes und Joachim Llambi für die Moderation der Sendung Jungs gegen Mädchen, bei der sich mir nicht nur bereits beim Namen selbst die Fußnägel aufrollen, man es darüber hinaus sogar noch geschafft hat Hunderte Studien über Männer und Frauen zu finden, um dann Korrelation mit Kausalität zu verwechseln. Liebes RTL, ihr seid nicht alleine Schuld. Aber trotzdem, danke für nichts.

Ebenso kann ich es nicht lassen, mich an Posts wie diesem heute von Journelles zu echauffieren: „Wie wohl die Männer auf eine Küche in zart-rosa reagieren würden? Ist uns völlig egal, wir sind ganz verliebt in diese Kombination mit hellen Fliesen und goldenen Accessoires 😍“. Auf dem Foto ist eine blassrosa Küche zu sehen. Liebe Journelles-Mitarbeiter_innen*, hört auf schwachsinnigen Sexismus zu reproduzieren. Bitte danke. Geschlechtsbezogene Farblehre nervt. Gerade von einem rein-weiblichen Powersquad wie euch, dem total modern Equality und Diversity wichtig sind, hätte ich mehr Feingefühl erwartet. Mit der Reichweite eines der erfolgreichsten Mode- und Lifestyleblogs Deutschlands sollte man informierter umgehen. Nur weil vielleicht eure cis-männlichen Mitlebenden zuhause gelernt haben, dass sie nicht mit Puppen spielen dürfen, ist erstens dies nicht ver­all­ge­mei­ner­bar und zweitens es schlimm diese Gedanken auch noch anderen in die Köpfe zu setzen.

Ich fange jetzt erst gar nicht an davon zu berichten, dass Geschlechtlichkeit nicht in zwei Kategorien teilbar ist, und dass diese Realität noch kaum irgendwo Anklang gefunden hat. Das und viele andere Themen in diesem Zusammenhang sind Stoff für zukünftig folgende Texte. Prost.

Und jetzt esse ich ein bisschen Schokolade aus dem Adventskalender. Wenn mein Zuckerspiegel sinkt, werde ich zickig, wie ihr seht. Total weibisch.