Freitag, 22. Dezember 2017

Ich bin genervt von eurem Sexismus.

Mir fehlt heute echt die Geduld.

Vielleicht ist das auch gar nicht so schlecht. Seid froh, dass ich hier sitze und diesen Text schreibe anstatt euch alle anzuschreien. Ja, ich meine euch, ihr Menschen da draußen, eigentlich wirklich alle Menschen, manchmal auch mich. Ich meine all jene, die es nicht schaffen ihre gedanklichen Muster zu überdenken, aufzubrechen, um zu merken, dass Generalisierungen zu machen zwar einfacher aber auch immer falsch ist. Ups, und schon wieder habe ich mich dabei ertappt, wie ich alle über einen Kamm schere, aber diesmal vielleicht aus gutem Grund, denn Mensch sein heißt Fehler machen. Menschliches Gehirn sein heißt Datenablage. Das geht eben einfacher nach Kategorien. Am liebsten noch ein binäres System. Fein fein fein.

Heute Morgen also, da menschelt es mir hier eindeutig zu viel. Hier im Internet. Diesmal mein Gemüt schonend wenigstens nicht im direkten Bekanntenkreis, sondern in der unmittelbaren Ferne sozusagen. Meine Like-Blase hat es geschafft, mich leicht bis unleicht zur Wut zu treiben. Es beginnt mit einem Video, das Jan Böhmermann geteilt hatte. Das Video von Tabea Johanna Krause vom 20. Dezember zeigt verrückt aggressiv gelebten Antisemitismus auf offener Straße in Berlin. Heute. 2017. Hier in Deutschland. Ich werde wütend. Ich teile das Video und hoffe, dass es jede facebook-Bekanntschaft sieht. Das wird nicht eintreffen, ich weiß. Wir folgen ja alle einem blinden Algorithmus. Warum ich derart emotional reagiere hat viele Gründe. Der aktuellste ist, dass ich in diesem Jahr zu viele Situationen selbst erlebt habe, in denen Menschen öffentlich und ohne Scham oder Verstand gegenüber „Gruppierungen“, die ihnen fremd scheinen, feindlich wurden. Beispielsweise lebte in unserem Sommerurlaub eine ältere Dame in derselben Straße wie wir. Sie war gut gelaunt und gesprächig, vor zwanzig Jahren von Hamburg nach Südfrankreich ausgewandert, trank gerne abends zwei Glas Rotwein und ließ es sich gut gehen. Eine Fremde also in neuer Heimat. Unser Urlaub ging schon fast zu Ende, da dachte ich eines Abends im Gespräch ich traue meinen Ohren nicht, als sich aus einer Unterhaltung über Kunst und Mäzene herauskristallisierte, dass diese Person wohl davon überzeugt war, dass reiche Juden sich global zusammentäten. Die eine kauft Gelände in der Stadt, da bekommt der andere den Bauauftrag. Aha so so. Offenheit schützt also ersichtlich nicht vor fehlgeleiteten Denkmustern.

Ich muss auch gar nicht viel weiter scrollen in meinem News Feed, da startet schon ein Video von Docupy, einem Projekt vom WDR, das sich durch kurze Filme online derzeit unter #ungleichland mit den Themen Reichtum, Chancen, Macht in Deutschland auseinandersetzt. Es wird eine einfache Frage an männliche Abgeordnete im Deutschen Bundestag gestellt: „Wann haben Sie zuletzt einen Mann auf sein sexistisches Verhalten angesprochen?“ Natürlich reizt die Fragestellung. Sie schließt beispielsweise aus, dass auch Frauen sexistisch sein können. Jeder Mensch kann sexistisch sein. Und doch treffen die Antworten der Herrschaften den Nagel der Thematik in solchem Maße auf den Kopf, dass Nagel und Hammer schon bereits die Rückseite des Holzes mit voller Wucht verlassen haben. Wenn ein Gregor Gysi sagt, man solle das Ganze auch nicht überziehen, dann hat er den Schuss nicht gehört. Und wenn Thomas Heilmann während eben diesem Interview über Sexismus im Bundestag einer Studiomitarbeiterin beim Outfit-Richten mitteilt, sie dürfe alles an ihm anfassen [zwinker, lächel, flirt], kotze ich mir so wie ich sitze fast Handy und Schoß voll.



Sexism is fun, fun, fun. Ein paar lustige Bemerkungen tun doch keinem weh.

Eben genau das tun sie leider doch. Man beleidigt vielleicht nicht nur andere Personen im Gespräch, man degradiert sie und reproduziert damit kulturell eingefahrene Ideen wie wer auch immer zu sein hat. Es ist gerade bei diesem Thema unglaublich faszinierend wie weit voneinander entfernt wissenschaftliche Funde und gelebte Realität heute sind. Ich erkläre immer wieder gerne, dass die als immer noch klassisch anerkannten Geschlechterrollen zu nahezu 100% sozial konstruiert sind. Die Schranken, in denen Menschen zu leben haben, definiert nicht ihr biologisches Dasein, sondern die Gesellschaft in der wir leben.

Ich bin Sprachwissenschaftler und daher weiß ich, dass Sprachmuster und daraus folgende Denkweisen, die aus einer Zeit stammen, in der man mit dem reinen Auge, ohne moderne Wissenschaft auskommen musste, noch heute unsere Welt definieren. Da fand man Vulven und Penisse, mit denen die Fortpflanzung funktionierte. Dass manch ein Individuum anders aussah oder das mit dem Kinder kriegen manchmal nicht klappte, das war eben so. Das wollte eine höhere Macht dann wohl so, denn es gab ja keine wissenschaftliche Erklärung dafür. Menschen mit Scheide nannte man Frau, die anderen wurden zum Mann. Einige Jahrhunderte bis Jahrtausende und diverse herrschaftsfördernde Ideologien später landen diese beiden Begriffe sozial aufgeladen im einundzwanzigsten Jahrhundert und Menschen, denen diese traditionellen Rollen alles andere als schaden, haben nachvollziehbar nicht den geringsten Drang, diese zu hinterfragen. Ein Gemisch aus Unwissenheit, Bildungsferne und Ignoranz führt die breite Masse in ihrer Machtposition dazu Diskriminierung zuzulassen, zu vervielfältigen und zu verankern. Die Menschheit selbst steht im Wege ihrer Besserung, denn sowohl in den Naturwissenschaften als auch Geisteswissenschaften gilt das binäre Geschlechterbild heutzutage als antiquiert. Zur großen Mehrheit durchgedrungen ist das leider nicht.

Und so kommt es dazu, dass ich fast täglich an der Menschheit (ver-)zweifle. An Moderator_innen* wie Ruth Moschner, die es nicht nur bei Grill den Vollidioten, sondern noch effizienter in RTL-Flop-Sendungen wie Falscher Hase – einer Show in der eine Single-Dame an kurzen Videos aus dem Privatleben drei junger Männer erraten muss, welcher von den dreien denn nun hetero-single, -vergeben oder schwul ist – schaffen, sexistische Floskeln ohne Ende zu produzieren. Männer, die sich mit Bodylotion nach dem Duschen einschmieren, sind schließlich eindeutig homo. Ebenso danke ich Mirja Boes und Joachim Llambi für die Moderation der Sendung Jungs gegen Mädchen, bei der sich mir nicht nur bereits beim Namen selbst die Fußnägel aufrollen, man es darüber hinaus sogar noch geschafft hat Hunderte Studien über Männer und Frauen zu finden, um dann Korrelation mit Kausalität zu verwechseln. Liebes RTL, ihr seid nicht alleine Schuld. Aber trotzdem, danke für nichts.

Ebenso kann ich es nicht lassen, mich an Posts wie diesem heute von Journelles zu echauffieren: „Wie wohl die Männer auf eine Küche in zart-rosa reagieren würden? Ist uns völlig egal, wir sind ganz verliebt in diese Kombination mit hellen Fliesen und goldenen Accessoires 😍“. Auf dem Foto ist eine blassrosa Küche zu sehen. Liebe Journelles-Mitarbeiter_innen*, hört auf schwachsinnigen Sexismus zu reproduzieren. Bitte danke. Geschlechtsbezogene Farblehre nervt. Gerade von einem rein-weiblichen Powersquad wie euch, dem total modern Equality und Diversity wichtig sind, hätte ich mehr Feingefühl erwartet. Mit der Reichweite eines der erfolgreichsten Mode- und Lifestyleblogs Deutschlands sollte man informierter umgehen. Nur weil vielleicht eure cis-männlichen Mitlebenden zuhause gelernt haben, dass sie nicht mit Puppen spielen dürfen, ist erstens dies nicht ver­all­ge­mei­ner­bar und zweitens es schlimm diese Gedanken auch noch anderen in die Köpfe zu setzen.

Ich fange jetzt erst gar nicht an davon zu berichten, dass Geschlechtlichkeit nicht in zwei Kategorien teilbar ist, und dass diese Realität noch kaum irgendwo Anklang gefunden hat. Das und viele andere Themen in diesem Zusammenhang sind Stoff für zukünftig folgende Texte. Prost.

Und jetzt esse ich ein bisschen Schokolade aus dem Adventskalender. Wenn mein Zuckerspiegel sinkt, werde ich zickig, wie ihr seht. Total weibisch.

1 Kommentar:

  1. Wer im Glashaus....
    Wer andere aufgrund ihrer Ignoranz anklagt sollte zumindest präziser formulieren und gründlicher recherchieren...
    Als Sprachwissenschaftler solltest du außerdem mit dem Konzept von Behauptung - Argument - Beispiel vertraut sein, sonst bleibt von deinem Post nichts außer einem zusammenhanglosen Rant.
    Nimm es mir nicht übel, ich verstehe deine Wut, deine Verzweiflung ob der Ignoranz deiner Umwelt, der Medien, aber sich einfach nur aufzuregen und weitere Unwahrheiten zu verbreiten macht die Lage nicht besser...
    Nein, Geschlechter sind nicht "fast zu 100% soziale Konstrukte", das "Konzept der Geschlechter" ist Ergebnis von tausenden Jahren Evolution, es ist der Grund warum wir existieren, erst die geschlechtliche Fortpflanzung hat eine so weitreichende Durchmischung des Genmaterials und natürliche Auslese ermöglicht.
    Ja ich höre sie. Die wütende Horde von Social Justice Warriors die drauf und dran ist gleich mit entzündeten Fackeln loszurennen. Wie kann er nur behaupten, dass die Natur von selbst auf die bösen Geschlechter gekommen ist???
    Wer sich von vorangegangener Aussage angegriffen fühlt, und gleich Diskriminierung vermutet ist entweder intellektuell nicht in der Lage, den Sachverhalt zu begreifen oder aber zu ignorant. (get the point?).
    Evolution ist keine Meinung, genauso wenig wie die Tatsache, dass die allermeisten von uns entweder als Männlein oder Weiblein auf die Welt kommen.
    Bedeutet das, dass alle god damn straight sein müssen, nur Männlein mit Weiblein ohne was dazwischen, daneben, drüber oder drunter?
    Nein, natürlich nicht!
    Jedem Menschen sollten die gleichen Rechte zuteil werden, völlig egal ob homo-,a-,inter- oder Einhorn-sexuell. Jeder sollte lieben und leben können wie er möchte, solange die Rechte eines/einer/einererer (zufrieden?) anderen dadurch nicht eingeschränkt werden. Ui da klingelt was... Grundgesetz und so...
    Aber mal im Ernst: Mir ist es völlig egal wer wen liebt und wer was in der Hose hat, aber diese verdammte Genderfluid-Propaganda hilft niemandem, gießt nur weiter Öl ins Feuer! Muss ich jemanden mehr respektieren als andere, weil er mit beiden Geschlechtsorganen auf die Welt gekommen ist? Sind meine Hetero-Freunde auf einmal weniger wert als meine schwulen Freunde? Mit Sicherheit nicht.
    Statt sich neue Bezeichnungen für 60 weitere Geschlechter einfallen zu lassen und auf diesen rumzureiten (pun intended), sollten sich die "Verfechter der Gleichberechtigung" ausnahmsweise mal an Fakten orientieren und das gekränkte Ego zuhause lassen statt es mit viel TamTam öffentlich zur Schau zu stellen. Das "Leid" wird zum Lifestyle erkoren, eignet es sich doch perfekt um im Gespräch zu bleiben, die eigene Sonderstellung zu untermauern...
    Du hast also RTL geschaut und Sexismus entdeckt? Schlimme Sache, aber ich geb dir einen Tip:
    einfach kein RTL schauen, den Fernseher am besten gleich ganz entsorgen, ist besser fürs Hirn.

    We all suffer
    deal with it


    ach und: Die einzige Gelegenheit wo man einem Logarithmus folgen sollte, ist bei Exponentialfunktionen... ansonsten sind Logarithmen eher selten anzutreffen, erst recht die Blinden....
    Aber was weiß ich schon, hab ja nur ein Geschlecht...

    AntwortenLöschen